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Ihr Königreich

Die Brüder Roy und Carl Opgard leben mit ihren Eltern in einem Hochgebirgshof in der Nähe von Os, einer kleinen Stadt in den Bergen Norwegens. Als ihre Eltern plötzlich ums Leben kommen kümmert sich Roy, als der ältere, um seinen jüngeren Bruder Carl.
Zehn Jahre später. Während Roy in den Bergen zurückbleibt und die Tankstelle im Ort führt, fängt Carl ein neues Leben im Ausland an, wo er auch studiert. Roy ist vom Typ eher der Eigenbrötler und Automechaniker, der sich nur wenig aus Menschen zu machen scheint, Hauptsache er hat seine Arbeit. Carl hingegen ist ein smarter, vielmehr karriereorientierter Mensch, der seiner Heimat und damit auch seinem Bruder damals, vor über einem Jahrzehnt, den Rücken gekehrt hat, um in den USA erfolgreich zu werden komme, was wolle. Nach etlichen Jahren kehrt Carl nun in seine alte Heimat zurück, aber nicht alleine. Er bringt die eindrucksvolle, attraktive und reizvolle Architektin Shannon, die auch seine Frau ist, mit. Mit ihr zusammen hat er Großes vor. Auf dem Land seiner Familie wollen sie nach ihren Plänen ein Wellnesshotel bauen, das die Brüder, aber auch den gesamten Ort, reich machen soll. Er begeistert den größten Teil der Einwohner, die dann Anteile am Hotel erwerben, womit der Bau hauptsächlich finanziert werden soll. Nicht nur deswegen wird Carls Rückkehr groß gefeiert. Doch kurze Zeit später kommt es zu einer Serie von Ereignissen, die eher Unglück in die kleine Stadt zu bringen scheinen. Roy gefällt dies alles gar nicht. Mit der Rückkehr von Carl dringen auch irgendwie lang gehütete Geheimnisse wieder an die Oberfläche. Die Polizei ermittelt erneut in dem ungelösten Fall ihres verschwundenen früheren Polizeichefs. Außerdem kursieren auch plötzlich wieder Gerüchte und Verdächtigungen zum Unfalltod ihrer Eltern im Ort. Bisher hat Roy seinen kleinen Bruder stets beschützt, doch zunehmend stehen sie sich nun als Rivalen gegenüber. Dass Shannon zudem noch genau der Typ von Roy ist, macht die ganze Sache auch nicht leichter.

Jo Nesbo, Jahrgang 1960, ist Musiker, Ökonom und Schriftsteller. Weltweit gehört er zu den populärsten und erfolgreichsten Kriminalautoren. Bekannt wurde er vor allem mit Kriminalromanen um den Hauptkommissar Harry Hole, von denen es mittlerweile zwölf Bände gibt. Seine Bücher wurden rund 20 Millionen Mal verkauft und in 47 Sprachen übersetzt. Der norwegische Rivertonklubben verlieh ihm 2016 den Ehrenpreis. Heute ist er hauptberuflicher Schriftsteller und lebt in Oslo.

Nach diesem Kriminalroman würde ich Jo Nesbo als einen Meister der Spannungswellen bezeichnen. Durch das gesamte Buch hindurch versteht er es meisterhaft, eine Welle der Spannung aufzubauen, und diese dann peu à peu wieder abflachen zu lassen. Immer dann, wenn man meint, nun ist die Luft raus, bringt er die nächste Welle, und so geht es in einer Tour durch die knapp 600 Seiten. Er packt eine Unmenge von Themen und Szenarien in seine Geschichte. Egal ob Mord, Kindesmissbrauch, Familiendrama, Affären, Intrigen, Betrug und noch vieles andere dazu, er bietet es und der Leser wundert sich nicht einmal, sondern liest und liest und liest.

71 Kapitel in einem Buch, das auf sieben Segmente aufgeteilt ist, strukturieren dieses „Königreich“ auf die dem Buch angemessene eigene Weise. Man leidet, hofft, freut sich und wird wieder enttäuscht und durch viele unerwartete Wendungen auch häufig überrascht. So geht es die ganze Zeit und so mancher romantische Moment gehört auch dazu.

Aber wie gesagt, man muss ein wenig Geduld als Leser mitbringen, da zahlreiche Schilderungen zunächst einmal nicht immer sehr spannend erscheinen, aber durch die plötzlich teils unerwarteten Wendungen dazu werden können. In meinen Augen ein etwas anderer Nesbo, der es aber mehr als verdient, gelesen zu werden.

Wir bleiben ja zur Zeit eh alle brav zuhause, und so ist dieses Buch nun die ideale Leselektüre für ausgangsbeschränkungsbedingte lange Abende, die einem die Zeit nie langweilig werden lassen.

Michael Müller
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